Das war die erste Woche

Warum der furiose WM-Start noch keine Euphorie entfacht

imageVon Roland Peters, Sebastian Schneider, David Bedürftig und Stephan Uersfeld
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Deutsche Fans beim ersten Spiel gegen Curacao. (Foto: IMAGO/Kirchner-Media)
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19.06.2026 | 14:07 Uhr
Rund eine Woche läuft die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 nun bereits. In einem Monat endet sie mit dem Finale in East Rutherford. Unsere Reporter sind durch die WM-Orte in Mexiko und den USA gereist und ziehen ein erstes Fazit.

Die großen Themen der ersten WM-Tage sind nicht nur sportlicher Art. Damit tritt das ein, was jeder ohnehin erwartet hat. Obwohl viele Spiele alles hergeben, die Superstars sich direkt zum Start zeigen und auch die deutsche Nationalmannschaft überragend ins Turnier startet, ist der Schatten jener Person groß, die überhaupt noch nicht in Erscheinung getreten ist.

Auch wenn US-Präsident Donald Trump sich mit Kommentaren zur WM zurückhielt und sogar das Eröffnungsspiel in Los Angeles schwänzte, sorgte seine Regierung mit dem Umgang des iranischen Teams für Aufregung. Nachdem die Nationalelf ihr Basecamp von Arizona nach Mexiko verlegt hatte, darf sie nun immer nur kurzzeitig für ihre Spiele einreisen; nach Abpfiff geht es direkt zurück nach Tijuana. Verschiedene Teammitglieder bekamen überhaupt keine US-Visa. Darüber hinaus verwehrten die USA etwa dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan die Einreise.

Beim ersten Iranspiel in Los Angeles bot sich auch deshalb eine aufgeheizte Atmosphäre. Vor allem sorgten aber eine Menge Demonstranten, die gegen das Regime in Teheran protestierten, für einen lauten Nebenkriegsschauplatz. Für sie ist das iranische Team der verlängerte Arm der brutalen Revolutionsgarde. Die Fahnen des iranischen Widerstands im Exil tragen einen Löwen und eine Sonne; sie waren zu Hunderten im Stadion gegen Neuseeland zu sehen, obwohl die FIFA sie verboten hatte. Im Anschluss beschwerte sich die iranische Nationalmannschaft über die mangelnde Unterstützung des Weltverbands.

Messi, Messi, Messi

Das größte sportliche Highlight setzte ein Altbekannter: Lionel Messi, der Weltmeister, der Megastar. Mit beinahe 39 Jahren zauberte er vor einer Wahnsinnsatmosphäre in Kansas City die beste WM-Leistung seines Lebens auf den Rasen - und zugleich einen historischen Moment. Messis furioser Hattrick beim 3:0 gegen Algerien ließ nicht nur argentinische Fans in Tränen ausbrechen (damit war auch der stundenlange An- und Abfahrtsstau rund um das nur mit Auto und Bussen erreichbare Stadion vergessen) und Gegner verzweifeln. Er sorgte auch dafür, dass La Pulga (der Floh) mit nur einem Spiel bei diesem Turnier zu WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose aufschloss (beide 16 Tore).

Schiri-Experte: Hier hätte Messi Rot sehen müssen

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Mbappé, Kane, Haaland - die Stars liefern sofort beim schillernden XXL-Turnier. Die phänomenale Messi-Show überragte jedoch alles und war ein Zeichen und eine Warnung zugleich: Der alte Mann hat noch längst nicht fertig und kann immer noch Magisches vollbringen. Die anderen großen Nationen dürften ganz genau hingeschaut haben, wollen sie doch Argentiniens Titelverteidigung (es wäre die erste seit Brasilien 1958 und 1962) verhindern.

Anarchie in Mexiko-Stadt

Mexiko wird das kaum gelingen. Immerhin schlägt dort im tiefen Süden des Turniers das pochende Herz. Das Auftaktspiel der Weltmeisterschaft zwischen Mexiko und Südafrika im sagenumwobenen Aztekenstadion in Mexiko-Stadt legt die Messlatte gleich viel zu hoch für diese WM - weitaus höher noch als die 22-Millionen-Metropole auf über 2000 Metern. Hier verkeilen sich Autos auf den Straßen, watscheln wasserverkaufende Enten über die Fahrbahnen und bekriegen sich Mariachis in den Bars. Die Barbetreiber drohen gleich mit Revolution. Der Grund? Sie sollen Lizenzgebühren für die Übertragung der Spiele zahlen. Nicht mit ihnen, sagen sie. Die WM läuft weiter in den Bars, die Revolution bleibt vorerst aus.

Überall gibt es nur ein Gesprächsthema: die Eröffnung der Weltmeisterschaft. Alle sind sie nach Mexiko-Stadt gekommen. Nicht alle stehen dem Turnier freundlich gegenüber. Rund um den Zócalo, dem historischen Zentrum, campieren Tausende Lehrer. Von ihrer Zeltstadt aus wagen sie sich immer wieder hervor und reiben sich mit der Polizei, die auch sonst allerhand zu tun hat. Mexiko gewinnt das Auftaktspiel mit 2:0. Eine Stadt vibriert, am Rande kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Jürgen Klopp wird zum Cowboy

Ganz anders zeigt sich die WM zurück in den Vereinigten Staaten. Dort heißt das Spiel Soccer und ist eines von vielen. In Houston geht vor dem 7:1 der Deutschen ein Unwetter runter, das für kurze Zeit wohl auch die unzähligen Obdachlosen von den Straßen Downtowns vertreibt. Nur die sind hier zu sehen. Sie liegen vor den Hochhäusern, die Schluchten bilden, durch die Jürgen Klopp, Thomas Müller und Johannes B. Kerner in einem Video als Cowboys marschieren. Eine traurige Kulisse. Die Glasfassaden verschlucken alles und jeden, die Klimaanlagen kühlen die WM-Stimmung weit runter.

Im Großraum Dallas feiern englische und kroatische Fans ein Fußballfest. In Fort Worth besetzen sie eine alte Westernstadt, in Downtown Dallas die Straßen, und nahe dem Stadion geht es bereits weit vor Anpfiff rund. Beide Gruppen dürfen sich auch nach dem 4:2 der Engländer freuen. Sie haben ein Spiel gesehen, das sich auch am Ende des Turniers von einem Großteil der anderen 103 Partien abheben wird. Thomas Tuchel, der deutsche Trainer der Engländer, wird später überschwänglich für seine Offensivsucht gelobt, vor seiner Halbzeitansprache verbeugen sich Spieler, und die Fans singen nach dem Abpfiff gemeinsam mit der Mannschaft "Wonderwall". Sie wollen nach New York.

Dorthin verschlägt es in den nächsten Tagen auch einen kroatischen Fan, der am Abend von seinen Abenteuern berichtet. Er sei für nur 200 Dollar an den Sicherheitskontrollen vorbeigeschleust worden, sagt er und zückt dann sein Handy. Auf dem sucht er schnell nach einem Bild. Es zeigt eine frappierend an Adolf Hitler erinnernde Person im deutschen Fanblock beim Sieg in Houston. In Amerika ist alles möglich, sagt er. Ausgedachter Quatsch, mit KI befeuert, gehört dazu.

Dauerregen in Toronto

Keine KI gibt es im Medienzentrum der Host City Dallas. In den riesigen Sälen des Kay Bailey Convention Centers ist ohnehin niemand. Auf einer gigantischen Leinwand schauen die Volunteers die Spiele der WM. Sonst ist es ruhig. Die WM findet an anderen Orten statt.

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Gähnende Leere im Medienzentrum.

16 Stadien sind es insgesamt, über drei Länder verteilt. Weil die WM so groß ist, führt das unweigerlich zu einer Frage. Die lautet: Gibt es wegen 48 Mannschaften zwingend eine langweilige Vorrunde? Offensichtlich nicht mehr als früher; bei Panama gegen Ghana war zu sehen, was eine WM bedeutet. Alle gaben alles, es entwickelte sich ein Schlagabtausch der unerfüllten Träume. Die Mittelamerikaner sind erst das zweite Mal überhaupt bei einer WM dabei, bei der ersten setzte es drei Niederlagen.

Das gesamte Publikum in Toronto fieberte im Dauerregen frenetisch bei jedem Angriff einem Treffer entgegen. Doch die Black Stars konterten tödlich, und das Rund explodierte in Gelb. Kurz danach war Schluss, der Trainer sank vor Emotion auf die Knie und warf Handküsse in den Himmel und ins Publikum. Im Gesamtturnier dürften sie keine Chance haben, aber darum geht es nicht. Es ist WM, für manche ist jedes Tor, jeder Punkt ein historischer Erfolg.

Roboterhunde in New York

Fußball-WM? In New York City wird die WM-Stimmung bislang vor allem von den Besuchern der Spiele und Immigranten getragen. Dass Lionel Messi der Greatest of All Time, der GOAT, ist, erzählte uns sogar ein Roboter, der vor dem Stadion Fragen der Fans beantwortete. Das ist nicht ungewöhnlich, schließlich werden große Teile der Stadt von Einwanderern aus Lateinamerika und deren Folgegenerationen geprägt.

Knicks lassen ganz New York durchdrehen

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In der ersten WM-Woche hatte der Fußball dennoch kaum eine Chance gegen die Basketball-Playoffs der NBA. Die New York Knicks gewannen das erste Mal seit 1973 den Titel, in der ganzen Stadt gingen die Menschen auf die Straßen. Die Besucher des ersten WM-Spiels landeten mitten in den Feierlichkeiten am Bahnhof Penn Station in Manhattan, nachdem die Knicks die 7er-Serie mit 4:1 für sich entschieden hatten. Es folgte eine riesige Siegesparade am Donnerstag über den Broadway. Knicks in Five!

Es gibt auch gute Nachrichten

Seit die Spiele begonnen haben, wird über die wetterunabhängigen Trinkpausen diskutiert. Je drei Minuten in der Mitte der Halbzeiten sind angeordnet. Die FIFA hat damit den Fußball den Werbewünschen des US-Sports angepasst. Manche Fans pfeifen von den Rängen, weil sie es hassen, aber die Kasse klingelt. Höhere Einnahmen sind im Sinne des Weltverbands, denn durch den Verkauf der Übertragungs- und Werberechte fließt am Ende auch mehr Geld an die Teilnehmerländer.

Insbesondere die weniger betuchten Nationalverbände haben bestimmt nichts dagegen. Die gute Nachricht zu den Trinkpausen: Für die europäischen Klubwettbewerbe ist keine Einführung geplant. Bis dahin werden sich die Fans in den Stadien ärgern, und die zuhause gucken aufs Handy, holen sich ein Getränk oder gehen ins Bad. Dort bilden sich Schlangen.

Schlangenalarm beim DFB

Woanders gibt es die als Reptilien. Und das schüttelt den DFB einmal ordentlich durcheinander. Also fast. Denn in North Carolina heißt es: Obacht, Schlangenalarm beim DFB-Team! Der nordamerikanische Kupferkopf war tatsächlich der einzige große Aufreger im Camp in Winston-Salem. Das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann konnte sich abgesehen davon in aller Ruhe auf die kommenden beiden Gruppengegner Elfenbeinküste und Ecuador vorbereiten. Alle Beteiligten werden nicht müde zu betonen, dass die Stimmung intern prächtig sei - was nach einem 7:1-Erfolg gegen Curacao natürlich keine große Überraschung ist.

Wo die Nagelsmannschaft nun wirklich steht? Mutmaßlich gibt da schon die Partie gegen die Elfenbeinküste in Toronto eine erste genauere Antwort. Denn dort warten "echte D-Züge", wie es Antonio Rüdiger zusammenfasste. Vor allem für Joshua Kimmich, der im Aufbau ins Mittelfeld rückt, könnte das Tempo der Ivorer ein echtes Problem werden.

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Die beiden kommenden Gegner der DFB-Elf zeigen in ihrem ersten Spiel gegeneinander, dass sie keine Laufkundschaft sind. Die Elfenbeinküste ist physisch ungeheuer stark und hat im 19-jährigen Leipziger Diomande den besten Akteur auf dem Platz, der unter anderem Ecuadors Hincapie - in Deutschland bekannt aus Leverkusen, nun beim englischen Meister und Champions-League-Finalisten FC Arsenal - einfach überrennt. Die Defensive der Ivorer zeigt sich bei hohem Pressing mehrfach unsicher, aber am Ende setzt sich ihre bessere Offensive durch. Ecuadors La Tri unter Mittelfeldregie des Superstars Moisés Caicedo vom FC Chelsea ist wendig und aufmerksam. Wenn sie ihre Chancen in Tore ummünzen, könnten die Deutschen richtig Probleme bekommen.

Soweit ist es noch nicht. Glück hat das DFB-Team bislang aber, was die klimatischen Bedingungen angeht. In Houston ist die Halle geschlossen und auf angenehme 22 Grad heruntergekühlt. In Toronto herrschen zudem auch europäische Verhältnisse. Ganz anders im Quartier in North Carolina: Die Luft ist dort teilweise unfassbar drückend, die Temperaturen meist über 30 Grad. Der Platz wird beim Training ständig bewässert. Man fragt sich ein bisschen, wie man bei diesen Bedingungen ordentlich kicken soll. Wird aber trotzdem. Jeden Tag, wenn der DFB nicht unterwegs ist.

Verwendete Quelle: ntv.de